»Concerthaus« und Konservatorium: Mittelpunkte des Musiklebens im Viertel von 1884-1944
Die bauliche Nachbarschaft von altem Gewandhaus (in das 1781 das »Grosse Concert« eingezogen war) und dem von Mendelssohn gegründeten ältesten deutschen »Conservatorium der Musik« (1843) im Stadtkern bleibt mit den Nachfolgebauten des »Neuen Concerthauses« (1882-84) an der Beethovenstraße und dem »Königlichen Konservatorium der Musik« (1885-87) in der Grassistraße gewahrt. Beide Gebäude gaben dem nun rasch entstehenden Stadtteil im Süden des heutigen Zentrums den Namen »Musikviertel«. Das Konzerthaus (bald »Gewandhaus« genannt) brannte 1944 nach einem Bombenangriff aus. Die Ruine wurde 1968 abgerissen. Das Konservatoriumsgebäude wurde wiederaufgebaut und beherbergt heute die Hochschule für Musik »Felix Mendelssohn Bartholdy«.
Wer wirkte hier?
Carl Reinecke (23.6.1824 Hamburg-Altona - 10.3.1910 Leipzig):
Nach privater musikalischer Ausbildung trat er bald als Pianist auf und war noch mit Mendelssohn und Schumann befreundet. Über Leipzig, Kopenhagen, Bremen, Paris, Köln und Breslau kehrte er nach Leipzig zurück und wirkte von 1860 bis 1895 als Gewandhauskapellmeister. In seine Amtszeit fiel 1884 die Einweihung des »Neuen Concerthauses« (Neues Gewandhaus) und des Konservatoriumsneubaus (1887), die dem entstehenden Stadtteil den Namen »Musikviertel« gaben. Reinecke unterrichtete zugleich am Konservatorium die Fächer Komposition, Klavier und Chorgesang (bis 1902). Er galt als feinsinniger Mozart-Interpret. Seine zahlreichen Kompositionen sind heute weitgehend vergessen.
Edvard Grieg (15.06.1843 Bergen - 04.09.1907 Bergen):
Der bedeutende norwegische Komponist studierte von 1858 bis 1862 am alten Leipziger Konservatorium, u.a. bei Reinecke und Moscheles. Mit dem Musikviertel verbindet sich sein Name durch intensive Pflege seiner Werke im Gewandhaus, darunter mehrere Uraufführungen. Die in das Musikviertel führende Edvard-Grieg-Allee zwischen Johanna- und Albert-Park trägt seit 2002 seinen Namen.
Arthur Nikisch (12.10.1855 Lébényi Szent Miklós, Ungarn - 23.01.1922 Leipzig):
Schüler des Wiener Konservatoriums. 1878 wurde er zunächst 2. Kapellmeister des Leipziger Stadttheaters, 1882 1. Kapellmeister. Mit dem Gewandhausorchester brachte er am 30.12.1884 Bruckners 7. Sinfonie im Stadttheater zur Uraufführung und begründete damit die Leipziger Bruckner-Tradition. 1889 ging er nach Boston und wurde 1893 Operndirigent in Budapest. 1895 folgte er einem Ruf nach Leipzig als Gewandhauskapellmeister und wurde zugleich Chef der Berliner Philharmoniker. Am Konservatorium war er mehrere Jahre als Studiendirektor tätig.
Mit Nikisch trat erstmals ein international gefeierter Dirigent in Erscheinung. Gastdirigate führten ihn bis nach St. Petersburg und in die USA. Unter seiner Leitung fanden auch die ersten Auslandstourneen des Gewandhausorchesters statt (1916, 1917). Mit der Silvesteraufführung von Beethovens 9. Sinfonie 1918 als »Friedens- und Freiheitsfeier« setzte er zugleich ein politisches Zeichen. Neu waren auch die zyklische Aufführungen der Werke von Brahms und Bruckner. Nicht zuletzt galt seine besondere Liebe der slawischen Musik (Tschaikowski, Smetana, Dvorák).
Julius Klengel (24.09.1859 Leipzig - 27.10.1933 Leipzig):
Legendärer Cellovirtuose, war 1881-1924 Solocellist des Gewandhausorchesters und bis zum Tode Lehrer am Konservatorium.
Robert Teichmüller (04.05.1863 Braunschweig - 06.05.1939 Leipzig):
Er studierte am Konservatorium bei Carl Reinecke und wirkte dort von 1897 bis zum Tode als einer der namhaftesten Klavierpädagogen seiner Zeit.
Karl Straube (06.01.1873 Berlin - 27.04.1950 Leipzig):
Als bereits promovierter Orgelvirtuose wurde er 1902 zum Organisten der Thomaskirche berufen, leitete seit 1907 die Orgelklasse am Konservatorium und wurde 1918 Thomaskantor. Neben den Orgelkompositionen Regers galt sein Hauptaugenmerk dem Kantatenwerk Bachs und damit der Chorarbeit. 1919 gründete er am Konservatorium das Kirchenmusikalische Institut, das zur bedeutendsten deutschen Ausbildungsstätte für Organisten und Kantoren wurde. Aus der langen Reihe seiner Schüler seien Günther Ramin, Rudolf und Erhard Mauersberger, Karl Hasse, Wolfgang Reimann, Fritz Heitmann und Karl Matthaei genannt. In der NS-Zeit sah sich Straube zur Scheingefolgschaft gezwungen, um größeres Unheil vom »KI« zunächst abzuwenden. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass das Institut noch vor Kriegsende aufgelöst wurde. Straube wohnte bis zur Ausbombung im Dezember 1943, die den Verlust aller Musikalien und Manuskripte bedeutete, in der Grassistraße 30.
Max Reger (19.03.1873 Brand, Oberpfalz - 11.05.1916 Leipzig):
1907 folgte der durch Karl Straube nachhaltig geförderte Komponist einem Ruf an das Leipziger Konservatorium als Leiter einer Meisterklasse für Komposition. Zu seinen zahlreichen Schülern zählten die Komponisten Joseph Haas, Othmar Schoeck und Erwin Schulhoff, die Organisten Fritz Heitmann, Karl Hoyer und Hermann Keller, der Dirigent Georg Széll. Mit Straube und Nikisch, aber auch mit Max Klinger verband ihn eine enge Freundschaft. Im Gewandhaus trat er als Pianist häufig auf. Einige seiner Kompositionen wurden hier unter Nikisch uraufgeführt, die bekanntesten Orchester- und Orgelwerke häufig gespielt. 1911 wurde er Hofkapellmeister in Meiningen (bis 1914), wohnte ab 1915 in Jena, entfaltete eine intensive Konzerttätigkeit und unterrichtete zugleich bis zum Tode am Konservatorium.
Bruno Walter (15.9.1876 Berlin - 17.2.1962 Beverly Hills, CA, USA):
Wurde als Bruno Schlesinger in Berlin geboren. Er studierte am Sternschen Konservatorium, debütierte als Dirigent 1894 in Köln und wirkte als Opernkapellmeister in Hamburg, Breslau, Pressburg, Riga und Berlin. 1901 holte ihn Gustav Mahler an die Wiener Hofoper. 1913 ging er als Generalmusikdirektor nach München, dann nach Berlin. 1929 übernahm er als Nachfolger Furtwänglers die Leipziger Gewandhauskonzerte. 1933 musste er sein Amt niederlegen und wurde von den Nazis aus Deutschland verjagt. Bis 1938 war er Direktor der Wiener Staatsoper und emigrierte über Frankreich in die USA. Dort leitete er als Gast bedeutende Orchester, ab 1948 auch wieder in Europa. Besondere Verdienste erwarb er sich durch seine Interpretationen der Werke Mahlers und Mozarts.
Hermann Abendroth (19.01.1883 Frankfurt a. M. - 29.05.1956 Jena):
Über München, Lübeck und Essen kam er 1915 nach Köln als Leiter der Gürzenich-Konzerte und der Musikalischen Gesellschaft. In Köln festigte er seinen Ruf als herausragender Dirigent. 1934 trat er die Nachfolge Bruno Walters am Gewandhaus an und übernahm gleichzeitig die Dirigentenausbildung am Landeskonservatorium (seit 1941 Staatliche Hochschule für Musik). Während des Zweiten Weltkriegs konnte er das klassisch-romantische Repertoire des Orchesters bewahren, musste sich jedoch der NS-Kulturpolitik beugen. In seine Amtszeit fiel die Zerstörung des Gewandhauses (1944). 1945 musste er zurücktreten und wurde in Weimar musikalischer Oberleiter, 1949 zusätzlich Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters.
Wilhelm Furtwängler (26.01.1886 Berlin - 30.11.1954 Baden-Baden):
Nach Privatstudien erfolgten ab 1905 erste Engagements als Repetitor in Breslau, Zürich und München, dann ab 1910 Kapellmeisterjahre in Straßburg, Lübeck und Mannheim. 1920-1922 leitete er die Konzerte der Berliner Staatsoper und die Frankfurter Museumskonzerte, bevor er 1922 als Nachfolger Arthur Nikischs die Leitung der Berliner Philharmoniker und des Leipziger Gewandhausorchesters übernahm und damit in die vorderste Reihe der deutschen Dirigenten vorgerückt war. Bereits 1928 gab er sein Leipziger Amt wieder auf zugunsten der Wiener Philharmoniker. Seit 1931 war er zugleich musikalischer Leiter der Bayreuther Festspiele. Die Nazi-Zeit überstand er mit Kompromissen, wobei sein Eintreten für Hindemith und jüdische Musiker hervorzuheben ist.
Johann Nepomuk David (30.11.1895 Eferding, Oberösterreich - 22.12.1977 Stuttgart):
Der bedeutende österreichische Komponist wurde 1934 als Lehrer für Komposition und Chordirigieren an das Landeskonservatorium Leipzig berufen. Hier leitete er auch die drei Kantoreien. Geprägt von Bach und Bruckner galt er als Exponent einer zeitgenössisch-polyphonen Musik. 1942 übernahm er die Leitung der Staatlichen Hochschule für Musik (die Umbenennung des Konservatoriums war 1941 erfolgt). Da er kein Mitglied der NSDAP war, fungierte er lediglich als kommissarischer Direktor. Zu seinen Schülern zählten u.a. Helmut Bräutigam, Herbert Collum, Ruth Zechlin und Amadeus Webersinke. In Zusammenarbeit mit Hermann Abendroth gelangten einige seiner Orchesterwerke im Gewandhaus zur Aufführung. 1944/45 wurde das Hochschulgebäude in der Grassistraße von Bomben schwer getroffen. Unter David erfolgte daraufhin die Evakuierung der Hochschule nach Crimmitschau in Sachsen. 1945 verließ David Leipzig und wurde an das Salzburger Mozarteum berufen, 1948 an die Musikhochschule Stuttgart.
Günther Ramin (15.10.1898 Karlsruhe - 27.02.1956 Leipzig):
Nach dem Besuch der Thomasschule studierte er ab 1914 am Konservatorium bei Karl Straube und Robert Teichmüller Orgel und Klavier. Von 1918-39 war er Organist der Thomaskirche und 1940-56 Thomaskantor, in beiden Ämtern Nachfolger Straubes. Seit 1920 leitete er eine Orgelklasse am Konservatorium. Ramins große Verdienste als Orgelvirtuose, Chorleiter und Pädagoge sind fester Bestandteil Leipziger und internationaler Musikgeschichte. Zu seinen Schülern zählen Karl Richter, Diethard Hellmann und Hannes Kästner.
Franz Konwitschny (14.08.1901 Fulnek, Mähren - 28.07.1962 Belgrad):
Gewandhauskapellmeister 1949- 1962. Da das Gewandhaus 1944 zerstört worden war und ein Wiederaufbau nach dem Krieg in weite Ferne rückte, fanden die Konzerte in der Kongresshalle des Leipziger Zoologischen Gartens statt. Somit konnte sich sein künstlerisches Wirken nicht mehr im Musikviertel entfalten. Seine abschließende musikalische Ausbildung (nach dreijährigen Studien 1920-1923 in Brno) erhielt er jedoch 1923- 1925 am Landeskonservatorium Leipzig in der Grassistraße. Bei Hans Bassermann studierte er Violine, bei Max Hochkofler Dirigieren. In dieser Zeit spielte er als Substitut unter Furtwängler im Gewandhausorchester, bevor er 1925 als Bratschist des Fitzner-Quartetts nach Wien ging. Die Stationen als Dirigent vor Leipzig waren Stuttgart, Freiburg i. B., Frankfurt a. M. und Hannover. Konwitschny verhalf dem Gewandhausorchester durch zahlreiche Gastspiele wieder zu hohem Ansehen in der Welt. Zeitweise wirkte er auch als Chef der Staatsoper und Staatskapelle Dresden sowie der Deutschen Staatsoper Berlin.
Kurt Masur (18.07.1927 Brieg, Schlesien):
Gewandhauskapellmeister 1970-1997. Er gehörte zu den ersten Studenten der Leipziger Musikhochschule nach dem Zweiten Weltkrieg und studierte hier 1946-1948 Dirigieren bei Heinz Bongartz. Bevor er Chef des Gewandhauses wurde, wirkte er an den Opernhäusern in Halle/S., Erfurt, Leipzig und Schwerin, war 1960-1964 Musikalischer Oberleiter an der Komischen Oper Berlin, später Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. In seine Leipziger Zeit fiel 1981 die Einweihung des Neuen Gewandhauses (s. Links). Künstlerisch-programmatisch entwickelte er bewusst die von Mendelssohn und Nikisch geschaffenen Traditionen weiter und festigte den guten Ruf des Orchesters im internationalen Vergleich. Die Reisetätigkeit wurde beträchtlich erweitert. 1989 spielte Masur eine wichtige Rolle bei der friedlichen Revolution in Leipzig. 1991 wurde er zusätzlich Musikdirektor der New York Philharmonic (bis 2002), leitet ab 2000 das London Philharmonic Orchestra und ist seit 2002 Chefdirigent des Orchestre National de France in Paris.
Wer wohnte hier?
Aus der langen Liste prominenter Musikerpersönlichkeiten, die zeitweilig im Musikviertel gewohnt haben, seien einige wenige ausgewählt:
- Prof. Dr. Hermann Abert (1871-1927). Musikforscher, Mozartbiograph, Nachfolger Hugo Riemanns an der Universität Leipzig.
Schwägrichenstraße 19
- Prof. Walter Davisson (1885-1973). Violinist, 1932-1942 Direktor des Leipziger Konservatoriums bzw. der Staatlichen Hochschule für Musik.
Schwägrichenstr. 5
- Prof. Carl Adolf Martienssen (1881-1955). Pianist und Klavierpädagoge. Schüler des Leipziger Konservatoriums, lehrte hier 1914-1934.
Schwägrichenstraße 5
- Prof. Max Pauer (1866-1945). Pianist, Direktor des Leipziger Konservatoriums 1924-1932.
Grassistraße 4
- Günter Raphael (1903-1960). Komponist. Lebte 1926-1934 im Musikviertel.
Schwägrichenstraße 11
/ Gedenktafel /
- Prof. Annerose Schmidt (*1936). Pianistin. Studium an der Musikhochschule bei Hugo Steurer 1954-1957. Internationale Karriere, nach der Wende 1989 Rektorin der Berliner Musikhochschule »Hanns Eisler«.
Mozartstraße 21
- Prof. Maximilian Schwedler (1853-1940). Flötist. Soloflötist des Gewandhausorchesters und Lehrer am Konservatorium.
Mozartstraße 2
- Prof. Dr. Karl Straube (1873-1950). Organist, Gründer des Kirchenmusikalischen Instituts am Konservatorium, Thomaskantor.
Grassistraße 30
- Prof. Amadeus Webersinke (* 1920). Pianist und Organist, studierte am Kirchenmusikalischen Institut 1938-1940 (Straube, J. N. David, Weinreich), Lehramt an der Hochschule 1946-1966.
Schwägrichenstraße 15
- Mary Wigman (1886-1973). Tänzerin und Choreographin. In Dresden gründete sie 1920 eine eigene Schule des modernen Ausdruckstanzes, Lehrerin von Gret Palucca. Später übersiedelte sie nach Leipzig, wo sie bis 1949 ihr Tanzstudio führte.
Mozartstraße 17
- Dr. Karl Zumpe (1924-2001) war von 1958 bis 1989 als Gewandhausdirektor für drei Gewandhauskapellmeister der »Mann in der zweiten Reihe«: für Franz Konwitschny, Václav Neumann und Kurt Masur. Wohnte im Rossbach-Eckhaus.
Beethovenstraße 8
Nicht nur die unversehrt gebliebene Universitätskiche St. Pauli (s. Links) wurde am 30. Mai 1968 ein Opfer der staatlichen Abrissmaßnahmen, sondern - bereits Wochen früher am 29. März - gleichermaßen auch die wiederaufbaufähige Ruine des Neuen Gewandhauses.
Karl Zumpe, der damalige Gewandhausdirektor, schreibt:
»Von der Sprengung der Ruine erfuhr ich als Anwohner durch einen ausgehängten Zettel im Haus. Am 29. März verfolgten wir vom Fenster unserer Wohnung aus den Einsturz des Gebäudes, zwei Wochen später begann eine Abrißkugel mit der Beseitigung der Mauerreste. Eine Stätte der Weltmusikkultur von 1884 bis 1944 war dem Erdboden gleichgemacht.« (Das Leipziger Musikviertel, 1997, S.32)
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